Der Sensenmann
Es gibt Tage, an denen die Welt so laut ist, dass man sich nach einem Ort sehnt, an dem selbst die Gedanken leiser werden. Für mich ist das manchmal der Friedhof. Nicht aus Schwermut, sondern weil dort die Zeit anders tickt. Langsamer. Ehrlicher. Ohne die ständige Forderung, produktiv, optimistisch oder wenigstens beschäftigt zu sein.
Neulich saß ich wieder auf meiner Bank zwischen den alten Steinen, und in einem Anflug von Übermut rief ich nach dem Sensenmann. Vielleicht, weil ich wissen wollte, ob er mich vergessen hat. Vielleicht, weil man in diesen Jahren – in denen Europa sich neu sortiert, die Welt sich schneller dreht und wir alle ein bisschen erschöpft wirken – manchmal das Bedürfnis hat, dem großen Ganzen ins Auge zu schauen.
Und tatsächlich: Er kam.
Nicht dramatisch, nicht mit Nebel und Kälte. Er setzte sich einfach neben mich, als wäre er ein Nachbar, der kurz fragt, ob man noch Zucker braucht.
„Du hast noch Zeit“, sagte er.
„Als ich mehrmals an deine Tür klopfte, hast du mich fortgeschickt. Aber auch damals standest du nicht auf der Liste. Ich wollte nur nach dir sehen – damit du nicht übermütig wirst.“
Es war kein Drohen. Eher eine Erinnerung daran, dass wir alle auf einer unsichtbaren Warteliste stehen, deren Reihenfolge wir nicht kennen. Und dass es trotzdem keinen Sinn ergibt, sich davor zu fürchten.
„Fürchte dich nicht vor dem Leben“, sagte er,
„und auch nicht vor mir. Genieße jeden deiner Tage. Die hellen, die grauen, die, an denen Europa dir Hoffnung macht, und die, an denen du denkst, wir hätten uns irgendwo zwischen Bürokratie und Selbstzweifel verlaufen.“
Er stand auf, sah mich an wie jemand, der weiß, dass er wiederkommt, aber keinen Grund hat, sich zu beeilen.
„Eines Tages werde ich dich abholen“, sagte er.
„Aber nicht heute. Und nicht morgen.“
Und dann ging er den Weg entlang, zwischen den Gräbern, die mehr Geschichten erzählen als jede Statistik. Ich blieb zurück mit dem Gefühl, dass der Tod manchmal weniger über das Ende spricht als über die Kunst, das Leben nicht zu verschwenden.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft :
Dass wir – trotz Krisen, trotz Wandel, trotz all der Fragen, die Europa sich stellt – nicht vergessen dürfen, dass wir leben.
Heute.
Jetzt.
Und dass selbst der Sensenmann uns manchmal daran erinnern muss.


Leben, Geniesse dein Leben ...
Quelle: albert46
Menschliche Perspektive mit digitale Begleitung / 30. Mai 2026